Die weine von Gaja

Es ist üblich geworden, von einer „Revolution“ zu sprechen, wenn es um Barbaresco und Barolo geht. Die beiden Weine sind der Stolz der Region Langhe im Piemont und beanspruchen zu Recht, die weltweit besten Ausdrucksformen der Rebsorte Nebbiolo zu sein. Diese narrative Revolution, die vom Dokumentarfilm Barolo Boys angeheizt und gefördert wurde, schildert die Langhe als eine Gegend der Unruhe, in der sich Modernisten und hartgesottene Traditionalisten erbittert bekämpfen. In diesem Film werfen die Modernisten den Traditionalisten vor, Weine mit zu hohem Tanningehalt zu erzeugen, die erst nach Jahrzehnten genießbar seien; die Traditionalisten wiederum feuern zurück, die Modernisten seien nicht nur unfähig, Weine mit Entwicklungs- und Lagerpotential zu produzieren, ja sie beschuldigen sie schier des Hochverrats, weil sie Fässer aus französischer Eiche einsetzen!

Wie fast immer bei heftigen Partisanenkämpfen liegt die Wahrheit in der Mitte. Da kommt einem das Holzschild an der Wand von Marc Haeberlins Küche in Illhaeusern (die Auberge de l’Ill, seit mehr als 50 Jahren ein Dreisternerestaurant) in den Sinn. Es verkündet eine Weisheit von Paul Bocuse: „Ob klassisch oder modern: Gute Küche ist Qualitätsküche.“ Was zählt, ist nicht das Label Traditionell oder Modern, sondern vielmehr die Qualität. Sich völlig aus der Debatte herauszuhalten, die andere über diese Region führen, ist denn auch das Mantra der Familie Gaja für ihre himmlischen Barbarescos und Barolos. Sie beansprucht für sich nur, dass sie hervorragende Weine erzeugt.

Ob man nun die heutigen Barbaresco- und Barolo- Weine dem modernen oder dem traditionellen Lager zuweisen will oder nicht, es lässt sich nicht leugnen, dass im Verlauf des letzten halben Jahrhunderts tiefgreifende Veränderungen stattfanden, die sie in die Spitzengruppe der besten Weine der Welt beförderten. Ein bisschen Geschichte zeigt, wie fundamental der Wandel war. Das beweist die Aussage von Ottavio Ottavi (1849-1893), dem Gründer der ersten Zeitschrift Italiens über Weinbau und Önologie, der kein Blatt vor den Mund nahm: „Es ist eine unbestreitbare Tatsache, dass wir gegenwärtig sehr wenige gute Weine machen, dafür viele schlechte und eine Menge Essig… Eine Flasche ist dem Gaumen eines Papstes würdig, während eine andere noch knapp zum Kochen von Paprikaschoten verwendet werden kann.“ Der Grund für diese negative Beurteilung in der Vergangenheit ist zum Großteil das Fehlen eines florierenden Weinexports. 

Blancpain art de vivre _ San Lorenzo
Blancpain Art de vivre - Gaja con cavallo

Im Gegensatz zu Frankreichs Weinhandel, der stolz auf seine blühenden Auslandsmärkte war – neben Kontinentaleuropa traditionell auch England und später Amerika –, war in Italien und insbesondere in den Langhe in dieser Beziehung nicht viel los. Deshalb spielte der Weinbau bis in die späten 1960er Jahre nur eine untergeordnete Rolle. Beim Anblick der tadellos gepflegten Barbaresco- und Barolo-Rebberge kann man sich heute kaum vorstellen, dass dazwischen andere Feldfrüchte angepflanzt wurden und man zum Beispiel mehr Weizen als Trauben erntete. Für viele Weinbergbesitzer bildeten Tierzucht, Obstbau und Haselnusskulturen (eine Spezialität der Langhe) die Haupteinnahmequellen. Die meisten Weine wurden in der Gegend selbst konsumiert und zu entsprechend niedrigen Preisen gehandelt.

Mit dieser nicht eben glanzvollen Wirtschaftslage sah sich die Familie Gaja konfrontiert, als der derzeitige Patriarch Angelo Gaja 1961 sein Diplom am Institut für Weinbau und Önologie in Alba erwarb. Damals leitete Angelos Vater Giovanni das Weingut der Familie in der Barbaresco-Region, wobei es ihm besser ging als den meisten andern Winzern in dieser Gegend. Sein Posten als geometra (Vermessungstechniker) sicherte ihm den größten Teil seines Einkommens. Anders als die vollständig von ihren Rebbergen abhängigen Kollegen musste Giovanni keine Kompromisse eingehen. Wenn seine Ernte den Qualitätsstandard nicht erreichte, konnte er sie als Offe wein verkaufen und den Verlust verkraften, was für viele Winzer in den Langhe wirtschaftlich nicht tragbar war. Sein hoher Qualitätsanspruch zahlte sich aus. In den 1950er Jahren, als Barbarescos im allgemeinen für 300 bis 600 Lire pro Liter gehandelt wurden, erreichten Giovannis Weine den schwindelerregenden Preis von 1200 Lire.

Da zudem die Preise angesichts des ungenügenden außerregionalen Absatzes noch sanken, mussten zahlreiche verzweifelte Winzer wertvolle Parzellen zum Verkauf ausschreiben. Giovanni war in der Lage, die Gelegenheit zu nutzen und wichtige Barbaresco-Rebberge zu erwerben, so Sorì San Lorenzo 1967, Sorì Tildin 1970 und Costa Russi 1978, deren Weine heute Spitzenpreise erzielen. Als er sie kaufte, waren diese Parzellen in der internationalen Weinwelt kaum bekannt. Angelo beschreibt den später Sorì San Lorenzo genannten Rebberg als in „Trümmern liegend“ mit einem Eigentümer, der „darüber schimpfte, wieviel ihn dieser gekostet habe… und einem Pächter, der sich abrackern musste, um über die Runden zu kommen“.

Noch trugen die Weinberge nicht die Namen, unter denen sie heute bekannt sind. Italien geht bei der Bezeichnung der Rebberge andere Wege als Frankreich. Im Bordelais und im Burgund werden die Weine mehrheitlich mit dem Appellationsnamen bezeichnet, ohne weitere Angaben zur Verarbeitung oder der Abgrenzung. So trägt ein Chambertin Clos de Bèze oder ein Chassagne-Montrachet Les Ruchottes den Namen seiner Appellation und nicht mehr. In Frankreich gelten sie als „Crus“, und die genauen Grenzen für jeden Cru sowie die Rechte zur Verwendung der Namen sind seit Jahrhunderten festgelegt und werden auch streng kontrolliert. Es gibt einige wenige Ausnahmen, bei denen der Lagebezeichnung zusätzliche Namen beigefügt wurden, etwa der Clos de Vougeot „Musigni“ von Bernard Gros; mit „Musigni“ ist eine kleine Nebenparzelle des Grand Cru aus dem Clos de Vougeot bezeichnet. Eine Ausnahme macht auch der Vosne Romanée Les Malconsorts „Christiane“ von Etienne de Montille, der Premier Cru aus einem ebenfalls kleinen Weinberg innerhalb der Appellation Les Malconsorts. Es sind beinahe die einzigen Abweichungen von der üblichen Praxis.

Als Angelo 1970 das Weingut von seinem Vater übernahm, stützte er sich auf die Erkenntnis Giovannis, dass die drei von ihm erworbenen Teilparzellen besondere Terroirs sind. Die Einzigartigkeit ihrer Böden, ihre Hanglage, die Sonnenbestrahlung und der Einfluss des Flusses Tanaro verdienten es, sie separat zu vinifizie en, statt wie üblich die Weine verschiedener Rebberge zu mischen. Das führte ihn unweigerlich dazu, durch Eigennamen auf ihre Terroirs aufmerksam zu machen. Zwei stammen aus dem heute als Secondine bekannten Weinberg, der ans Dorf Barbaresco grenzt. Die eine Secondine-Teilpar-zelle, heute Sorì San Lorenzo genannt, war nach dem Schutzpatron der Kathedrale von Alba benannt worden („Sorì“ bedeutet im lokalen Dialekt Südhang). Der Name der anderen Secondine-Parzelle, Sorì Tildin, entspricht der familiären Form des Vornamens seiner Großmutter, Clotilda Rey. Die Bezeichnung der dritten von seinem Vater erworbenen Parzelle, die im Roncagliette-Rebberg gelegene Costa Russi, erinnert an den vorherigen Besitzer.

Blancpain art de vivre Barbaresco veduta aerea
Blancpain art de vivre Gaja wine

Dank der separaten Vinifizie ung und Abfüllung dieser drei Teilparzellen kann jede ihren eigenen Charakter ausdrücken. Der Wein der Costa Russi ist jung am weichsten und zugänglichsten. Sorì Tildin hat verschlossenere Tannine und im allgemeinen mehr Säure. Sorì San Lorenzo ist der würzigste, kräftigste und konzentrierteste der drei Weine und besitzt das höchste Lagerpotential. Als Angelo mit dieser Kennzeichnung begann, war es in Barbaresco und Barolo üblich, neben der staatlich kontrollierten Herkunfts ezeichung (Denominazione di origine controllata e garantita) nur den Namen der Region anzugeben. Somit wurden Weine als DOCG Barbaresco und DOCG Barolo verkauft. Die Angabe der Rebberge wie Secondine und Roncagliette, beide in der DOCG Barbaresco gelegen, fehlte noch. Die Bestimmung und Kartierung spezifischer Anbaugebiete, wie Secondine oder Rocagliette, wurde erst vor relativ kurzem abgeschlossen und war eine zwanzig Jahre dauernde Aufgabe der Aufsichtsbehörde Consorzio di Tutela Barolo Barbaresco Alba Langhe e Roero.

Im Rückblick waren Angelos Entscheidungen für diese drei Rebberge eindeutig kühn und zukunft orientiert. Wo es Tradition war, Assemblagen aus Trauben oder Weinen verschiedener Lagen zu produzieren, entschied er sich für die getrennte Produktion und Flaschenabfüllung. Und während die Barbarescos üblicherweise ohne besondere Hinweise auf den Rebberg in den Handel kamen, konnte man bei seinen Weinen erfahren, von welcher Parzelle sie stammten.

Obwohl er sich bei der Benennung bestimmter Teilpartien nicht an die französische Praxis hielt, war Angelo stark von seinem Aufenthalt in Frankreich beeinflusst, wo er studiert hatte, bevor er den Betrieb von seinem Vater übernahm. Sein Ziel war, die Qualität der Gaja-Weine zu steigern und sie an die Weltspitze zu katapultieren. Wie die meisten erfolgreichen Winzer der Welt ging es dabei um ein ganzes Bündel von qualitativen Maßnahmen. Zahlreiche seiner Innovationen hatten das Ziel, den Ertrag der Reben zu begrenzen. Es liegt auf der Hand, dass eine korrekt ausgeführte Ertragsbegrenzung die Konzentration der Frucht und dadurch auch die Qualität des Weins fördert. Eine dieser Methoden war, die Pflanzungsdichte zu steigern, so dass die Reben stärker kämpfen müssen. Eine andere bestand darin, die Rebzeilen am Hang vertikal statt horizontal auszurichten. Es war jedoch seine dritte Entscheidung, die starke Reduktion der Knospenzahl, die für Stirnrunzeln sorgte, in den Langhe als Sensation galt und einen Mini-Sturm auslöste. Er beschloss, seine Rebstöcke auf zwölf Knospen zurückzuschneiden (später reduzierte er die Anzahl auf acht), während viele Winzer zwanzig und mehr stehen ließen. Dabei muss man wissen, dass das Abschneiden einer einzigen Knospe pro Stock bei einer Hektar Reben die potentiell mögliche Erntemenge um 1600 Trauben verringert. Im Dorf wunderte man sich, und es wurde an seinem Verstand gezweifelt, da man glaubte, sein Betrieb werde bankrottgehen und er könne seine Arbeiter nicht mehr entlöhnen. Um den Ertrag zusätzlich zu senken, praktizierte Angelo zudem die „Grünlese“. Dazu bricht man einen Teil der Fruchtstände vor dem Beginn der Reife aus, damit der Rebstock seine Kraft voll auf die verbleibenden Trauben konzentrieren kann.

Blancpain art de vivre - Gaja wine

Weitere Maßnahmen zur Steigerung der Qualität folgten. Als Reaktion auf die wärmeren Temperaturen der letzten Jahre lässt Angelo Gaja das Blattwerk der Rebstöcke auslichten. Haben die Reben weniger Laub, wachsen sie langsamer, da die Zuckerzufuhr reduziert wird, die sonst durch die höheren Temperaturen erzeugt würde. Ein Übermaß an Zucker ergibt allzu alkoholische, unausgeglichene Weine. Sogar die Bienen wurden unter die Lupe genommen. Gaja förderte die Ansiedlung von Bienen, nicht nur, um die Bestäubung zu fördern, sondern auch, um ihre Hefen zu nutzen.

Gaja innovierte auch bei der Arbeit im Keller in Form von kürzeren Maischezeiten und temperaturkontrollierter Gärung in Edelstahltanks, Verwendung von Fässern aus französischer Eiche mit einer Mischung von neuen und einmal gebrauchten Barriques von 225 Litern (der Standardgröße im Burgund und Bordelais), während sonst in der Gegend der Wein in großen, oft 2000, manchmal sogar bis 15 000 Liter fassenden Fudern reift, die mehrere Jahre verwendet werden. Außerdem führte er die Verwendung längerer Korken ein.

Besonders bemerkenswert an Angelos Neuerungen ist, dass er sie ungeachtet des großen Erfolgs seines Vaters Giovanni durchsetzte. Sie illustrieren seine starken Überzeugungen und widersprechen offensichtlich dem alten Sprichwort „Was nicht kaputt ist, muss man auch nicht reparieren“. Seine Familie begrüßte denn auch keineswegs all seine Veränderungen mit Begeisterung. Als Angelo die Bestockung eines der Rebberge der Familie in Barbaresco von Nebbiolo (alle DOCG Barbaresco und Barolo müssen zu 100% aus Nebbiolo gekeltert werden) auf Cabernet umstellte – was in zweifacher Hinsicht ein Sakrileg war, weil er damit nicht nur von der Nebbiolo-Regel abwich, sondern auch noch eine französische Rebe importierte –, weigerte sich Giovanni nicht nur, diesen Wein zu trinken. Er beschriftete die Parzelle zudem mit dem piemontesischen Begriff „Darmagi“ („wie schade“!).

Wie soll man also in der Debatte moderne versus traditionelle Verfahren Angelo Gajas Methoden einordnen? Am besten gar nicht. Es wäre nicht korrekt, ihn mit dem Modernisten-Etikett zu versehen, bloß weil er in etlichen Phasen der Weinbereitung einen anderen Kurs als sein Vater eingeschlagen hat. Nach Ansicht seiner Familie beweisen diese Neuerungen lediglich, dass es nicht nur eine Methode gibt, um in den Langhe große Weine zu erzeugen. Nehmen wir beispielsweise seine Entscheidung, den Darmagi-Rebberg mit Cabernet zu bestocken, oder die damals noch umstrittenere Wahl, Chardonnay zu pflanzen, um seinen Weißwein Gaia & Rey (benannt nach seiner Tochter Gaia und seiner Großmutter Clotilda Rey) zu produzieren: Hardliner bleiben dabei, für Barbaresco nur die Rebsorte Nebbiolo zu akzeptieren. Doch wieso sollen andere Sorten in den Anbaugebieten Barbaresco und Barolo völlig tabu sein, vor allem angesichts der Tatsache, dass die Winzer hier früher zahlreiche Rebsorten kultiviert hatten?

Auch sein Einsatz französischer Eichenfässer rechtfertigt die Bezeichnung Modernist nicht. Zwar hatten einige wenige Winzer, die sich selbst als Modernisten zu erkennen gaben, begeistert französische Eichenfässer für den Ausbau verwendet, allerdings mit dem Ergebnis, dass ihre Weine oft von Eichenaromen dominiert wurden. Bei Gaja ist die französische Eiche jedoch nur eines von verschiedenen Elementen bei der Erzeugung ihrer Weine. Generell reifen hier die Barbarescos und Barolos ein Jahr in französischen Barriques, gefolgt von einem Jahr im großen Fass. Das ist jedoch keine feste Regel. Die Dauer wird den Eigenschaften der Ernte angepasst, so dass manchmal überhaupt keine französische Eiche zum Einsatz kommt. Der Jungwein jedes Jahrgangs wird nach der Gärung beurteilt, und je nachdem wird entschieden, wie lange er in die Barriques kommt und wie das Verhältnis von neuen und einmal gebrauchten Fässchen sein soll.

Heute besitzt die Familie Gaja in den Anbaugebieten Barbaresco und Barolo gut 100 Hektaren Rebland. Neben den drei Flaggschiff- eilparzellen in Barbaresco begann Gaja auch in Barolo Trauben zweier Rebberge separat zu vinifizie en, deren Weine die Namen Sperss und Conteisa tragen. Natürlich bietet die Familie auch Abfüllungen von Barbaresco und Barolo an, die aus Trauben mehrerer Weinberge gekeltert werden. So stammt ihr DOCG Barbaresco aus vierzehn verschiedenen Rebbergen der Gemeinden Barbaresco und Treiso. Obwohl es sich bei diesen Abfüllungen um Mischsätze handelt, werden die Trauben getrennt geerntet, vinifizie t und gereift, bevor man sie für das Abfüllen kombiniert. So kann Gaja die relativen Prozentsätze der einzelnen Parzellenweine bestimmen, die in die endgültige Assemblage eingebracht werden sollen. Der Erfolg in den Langhe hat es dem Weinhaus Gaja ermöglicht, seine Aktivitäten in die Toskana auszuweiten, wo es in Montalcino die Weine Pieve Santa Restituta und Ca’ Marcanda produziert.

Blancpain art de vivre Gaja Wine
Blancpain Gaja wine

Obwohl er weiterhin aktiv ist, hat Angelo Gaja die Verantwortung seinen Kindern Gaia, Rossana und Giovanni übertragen. Die Familie ist stolz darauf, dass sie kein Organigramm mit bestimmten Verantwortlichkeiten für die einzelnen Mitglieder benötigt. Stattdessen nehmen alle, auch Angelos Frau Lucia, zu jeder Zeit an sämtlichen Aktivitäten des Hauses teil: Entscheidungen über die Weinherstellung, Verkostung, Begrüßung der Besucher, Betreuung der Kunden in Italien und im Ausland. Wie es sich für eine Familie gebührt, die stolz darauf ist, Weine unter ihrem eigenen Namen anzubieten. 

Zurück nach oben